Am Antikriegstag: Knapp 200 Menschen beim 2. Marburger Friedensforum

Das 2. Marburger Friedensforum fand am Samstag (1. September) auf dem Lutherischen Kirchhof statt. Bei Sonnenschein, Kaffee und Kuchen sowie lateinamerikanischen Rhythmen feierten knapp 200 Menschen dort ein Friedensfest zum Antikriegstag.
Eingeladen hatte die Marburger Friedensinitiative „Nein zum Krieg“ gemeinsam mit zwei Dutzend anderer Organisationen. Für die Veranstalter begrüßte Ralf Schrader zunächst die Stadtverordnetenvorsteherin Marianne Wölk. Sie drückte ihre Freude darüber aus, dass so viele Menschen sich in Marburg für Frieden und Völkerverständigung einsetzen.
Deutlich kritisierte die SPD-Kommunalpolitikerin die geplante Erhöhung des Rüstungshaushalts und die Genehmigung von Waffenexporten. Ihre persönliche Auffassung drückte sie in der Hoffnung aus, dass die Bevölkerung und gerade die Friedensbewegung Druck auf die Regierung entfalten sollten, um eine striktere Rüstungskontrolle und Regelungen zur Nichtverbreitung auch von sogenannten „Kleinwaffen“ durchzusetzen. Die bisherige Kontrolle reiche hier offensichtlich nicht aus.
In einer anschließenden Diskussionsrunde erörterten Vertreter von Gewerkschaften und Kirche sowie Vertreterinnen der Wissenschaft die Frage „Was nützt dem Frieden?“. Moderiert wurde die Runde von dem Friedensforscher PD Dr. Johannes M. Becker.
Rüstungskontrolle müsse politisch durchgesetzt werden, forderte der Gewerkschafter Daniel Behruzi. Die Ausarbeitung von Konzepten zur Konversion von Rüstungsbetrieben habe zwar zu einer Diversifikation der Geschäfte von Rüstungskonzernen geführt und damit die Arbeitsplätze dort unabhängig von der Waffenproduktion gemacht, die militärischen Produktlinien jedoch nicht ersetzt. Die angestrebte Schließung der Waffenfertigung könne nicht die IG Metall durch entsprechende Vorschläge der Betriebsräte, sondern nur ein Verbot erreichen.
Auch die Wissenschaft verfüge nur über begrenzte Möglichkeiten zum Umsteuern, erklärte die Friedensforscherin Melanie Hartmann. Zwar fände die Friedens- und Konfliktforschung inzwischen schon mehr Gehör bei der Politik als in ihren Anfangszeiten, doch reichten ihre Wirkungsmöglichkeiten bei Weitem noch nicht aus. Zudem müsse sich die Wissenschaft immer fragen, ob ihre Erkenntnisse zum Wohle Betroffener eingesetzt werden oder zu deren Nachteil.
Als negatives Beispiel nannte Hartmann Kulturwissenschaftler, die die US-Army oder die Bundeswehr bei ihrem Einsatz in Afghanistan beraten haben. Deshalb forderte die Friedensforscherin eine parteiische Wissenschaft ein, die sich nicht hinter vermeintlicher Neutralität versteckt, sondern Partei insbesondere für die Schwächeren ergreift. Neutralität oder Objektivität sei allein schon angesichts der Auswahl von Forschungszielen ohnehin nur eine Illusion.
Bei ihrer Forschung zum Thema Flucht und Vertreibung wollte Hartmann deshalb mehr Augenmerk auf die Perspektive der Geflüchteten legen. Bereits das obligatorische Interview der Bundesagentur für Migration und Flüchtlinge (BAMF) könne für gefolterte Flüchtlinge eine starke emotionale Belastung darstellen und ihre Retraumatisierung bewirken. Noch bedrohlicher müssten die Hetze von Rechtspopulisten oder Vorfälle wie in Chemnitz auf sie wirken.
Nicht zuletzt zum Schutz von Geflüchteten mit besonders dramatischem Schicksal bieten die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland deshalb das Kirchenasyl an. Dekan Burkhard Zurnieden bklagte jedoch, dass dieses „Ventil“ immer mehr unter politischen Druck gerate. Dieser Druck belaste die Gemeinden zusätzlich zu den Kosten, die sie für die betroffenen Menschen übernehmen müssen.
Längst könne die Kirche nicht mehr allen Schutz bieten, die ihn dringend benötigen. Zehn- bis 20mal mehr Menschen suchten um Kirchenasyl nach, als dafür Plätze zur Verfügung stehen. Vor allem junge Männer mit einem Dublin-Verfahren und einer drohenden „Rückführung“ nach Italien müsse die Kirche trotz ihres bitteren Schicksals dort von vornherein abweisen.
Die Zivilgesellschaft forderte Zurnieden auf, politischen Druck zugunsten des Kirchenasyls und gegen seine Einschränkung aufzubauen. Das Kirchenasyl diene nicht nur als „Ventil“ für möglicherweise fehlerhafte Anerkennungsverfahren, sondern auch als konkreter Schutz für verfolgte Menschen. Humanität und der Schutz von Menschen seien Kernthemen des christlichen Glaubens, die auch in ihrer praktischen Ausprägung nicht beschnitten werden dürften.
Zum Abschluss wandte sich die Literaturwissenschaftlerin PD Dr. Maximiliane Jäger-Gogoll der Literatur zum Thema Krieg und Frieden zu. Romane und Dramen zu diesem Thema gebe es zuhauf. Über die Jahrhunderte hinweg hätten sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller immer wieder mit den verheerenden Folgen von Krieg und dem Traum von Frieden auseinandergesetzt.
Bei diesem thema könnten Lehrende und Lesende in die Vollen greifen, meinte sie. Man müsse die Menschen nur zum Lesen bewegen, damit sie die Greuel des Kriegs auch auf der individuellen Ebene von Einzelschicksalen nacherleben könnten.
Mit einer Warnung beendete Jäger-Gogoll ihren Diskussionsbeitrag. Bereits die Notizbücher des Romanisten Prof. Dr. Viktor Klemperer zeigten auf erschreckende Weise, wie auf die Verrohung der Sprache schon bald auch die Verrohung der Sitten und letztlich körperliche Gewalt folgen. Wörter wie „Transitzentren“, „Frontex“ oder auch „Abbschiebung“ kritisierte die Literaturwissenschaftlerin ebenso als bürokratische Verharmlosung unmenschlicher Praktiken wie die sich ausbreitende entmenschlichende Sprache der Rechtspopulisten.
„Rositas Puppenbühne“ und „The Underground Groove Society“ sorgten trotz der ernsten Diskussion für eine heitere Stimmung auf dem Platz rund um die Lutherische Pfarrkirche. Beendet wurde das 2. Marburger Friedensforum am Abend mit einem Friedensgebet.

* Franz-Josef Hanke

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