Religionsfreiheit auch für Muslime in Nidda – Rede von Dragan Pavlovic am Rande der Demonstration in Nidda am 08.12.2007

08.12.2007 – dp

Als Teilnehmer der Demonstration und Bürgerrechtler der Humanistischen Union möchte ich zur NPD-Demonstration gegen den Moschee-Bau in Nidda Stellung beziehen:

Das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit darf nicht durch politische, juristische, administrative oder gewalttätige
Handlungen eingeschränkt werden. Eine einseitige Abwertung der Religion der wenigen muslimischen Mitbürger ist nicht hinzunehmen.

Es muß unbedingt bedacht werden, dass die meisten Mitbewohner ausländischer Herkunft – etwa 80 Prozent – garnicht religiös sind. Die pauschale Benennung in Deutschland lebender Mitbürger ausländischer Herkunft als „religiöse Fundamentalisten“ oder „eifrige Moschee-Besucher“ entspricht daher nicht den Tatsachen!

Die wenigsten sind überhaupt religiös. Daher ist der
Aufruf der NPD gegen den Moschee-Bau, der in Wirklichkeit nur ein Umzug von einem Gebäude ins Andere ist, eine gefährliche Verfälschung. Das spricht im Kern für eine grundgesetzwidrige Gesinnung.

Die Humanistische Union spricht sich für eine gegenseitige Achtung und Verständigung der Völker und Kulturen aus.

Dem Grundrecht entsprechend ist der Bau von Moscheen einwandfrei – genau so wie der Bau von Kirchen. Er darf daher nicht eingeschränkt werden.

Jede Handlung, die Religions- und
Weltanschauungsfreiheit zu unterbinden trachtet, ist grundgesetzwidrig und
töricht.

Welche Lösung kann daher in kluger Art und Weise – aus
bürgerrechtlicher Sicht – vorgeschlagen werden?

Im Rahmen einer Gleichbehandlung aller religiösen Zusammenschlüsse sollten öffentliche Ruhestörungen durch Muezzin-Rufe von
Minaretten und durch Glockenläuten von Kirchengebäuden gleichermaßen eingeschränkt werden. Lärmquellen nicht religiösen Ursprungs – also
weltliche Einrichtungen wie Warenproduzenten und
Konzertveranstalter – halten sich seit jeher an Verordnungen der TA Lärm (=Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm). Künftig sollten die gleichen Regeln für alle gelten in Bezug auf Lärmbelästigung
ohne vordemokratische Privilegien wie Glockenläuten und Muezzin-Rufe.

Die jeweils streng Gläubigen in der Deutschen
Bevölkerung bei den Migranten sind ohnehin gesellschaftlich in der Minderheit. Laut einer Spiegel-Umfrage sind allenfalls nur noch 10%
der Deutschen gläubig, wie es sich die christlichen Kirchen wünschen.

Darüber hinaus finde ich es
lächerlich, wie sich NPD-Leute als Hüter
christlicher Traditionen aufspielen. Sie tun sich in aller Regel ja sonst eher als Propagandisten altgermanischer Bräuche hervor.

Die Lösung für ein friedliches Miteinander
der Kulturen kann nur die religiöse Abrüstung aller
Seiten darstellen.

Lautstarke religiöse Propaganda jeglicher Herkunft und Couleur sollte unterbleiben. Das schließt gerechterweise ein, dass
künftig das Glockenläuten genauso beschränkt wird wie auch künftige Muezzin-Rufe von Minaretten im Rahmen
der Lärmschutz-Ordnung.

Gegen religiösen Fundamentalismus hilft niemals der Einsatz von Einschüchterung und Gewalt. Religiöse Verblendung und Ignoranz lässt sich niemals mit Unvernunft besiegen. Nur Bildung kann Unwissen besiegen.

Eine langfristige Lösung des Problems religiöser Indoktrination von Kindern kann nur
stattfinden durch einen gemeinsam verpflichtenden
Religionskunde-Unterricht ohne Abmelde-Möglichkeit. In diesem Religionskunde-Unterricht lernen die Kinder etwas über alle Religionen. Gleichberechtigt sollte in diesem Unterricht aber auch die berechtigte Kritik an allen Religionen gelehrt werden. Nur so kann ein Kind einseitige Indoktrination relativieren.

Das ist der bürgerrechtlich einwandfreie Weg zu einem
langfristig friedlichen Zusammenleben der Kulturen.

Berechtigte Kritik an fundamentalistischen Positionen sollte am besten
immer von innen heraus erfolgen. Die Kritik an religiösen Inhalten sollte am Besten durch Liberale und Aufklärer aus den eigenen Reihen geübt werden. Das Christentum mußte schon vor langer Zeit durch die Dompteursschule der Aufklärung gehen. Daher sollte man dem Engagement von Gruppen wie des Zentralrats
der EX-Muslime mit Wohlwollen entgegenkommen. Dabei handelt es sich um eine Gruppierung in Deutschland, die das islamische Tabu des Religions-Austritts konsequent durchbricht. Nur wenn sich ein Mensch von seiner Religion ohne Angst lossagen kann, kann es Demokratie und Freiheit und ein friedliches Zusammenleben der Menschen geben.

Ich möchte noch einen Appell an die deutschen
Behörden richten, an die Verantwortung von Politik, Polizei und Justiz
in unserem Lande: Gehen Sie konsequent gegen rechtsextreme Straftäter vor! Registrieren Sie rechtsextreme Straftaten als politische Kriminalität und nicht als dumme Jungen-Streiche! Reden Sie die Problematik nicht klein!

Es gibt Belege dafür, dass die Zivilcourage von engagierten Nazi-Gegnern von Polizei und
Justiz nicht unterstützt wird, sondern sogar selbst der Verfolgung
durch diese Behörden anheimfällt. Damit wird
tatsächlich jedes zivile Engagement im Keim erstickt.

Setzen Sie sich nicht dem Verdacht der
gesinnungsmäßigen Nähe zum rechtsextremen
Gedankengut aus und gehen sie mit allen legalen Mitteln mindestens genauso engagiert gegen Rechtsextreme vor, wie Sie es gegen die wenigen
und heute unbedeutenden Linksextremen zu tun pflegen!

Belege dafür finden aufmerksame Beobachter dieser
Problematik zuhauf nicht nur auf Informationsportalen wie Indymedia, sondern auch auf WebseitenBetroffener in Hessen wie zum Beispiel die Verfolgung des Physikers Dr. Ulrich Brosa wegen seines kritischen Engagements gegen eine rechtsextreme Burschenschaft in Amöneburg bei Marburg.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Dragan Pavlovic

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