Kreativität ist unerlässlich zur Konfliktlösung – Friedensforscher Galtung in Marburg

04.12.2007 – FJH

„Die militärischen Führer von heute haben etwas Wichtiges nicht mehr gelernt“, bedauert Prof. Dr. Dr. Johan Galtung. „Das ist, wie man mit Würde kapituliert.“

Seine Sicht auf Krisen und Konflikte weltweit erläuterte der norwegische Friedensforscher am Dienstag (4. Dezember) im Marburger Rathaus bei einer Pressekonferenz. Anschließend trug sich der Träger des Alternativen Nobelpreises im Historischen Saal des Rathauses in das Goldene Buch der Stadt Marburg ein. Am Abend schließlich referierte er im Auditorium Maximum (AudiMax) der Philipps-Universität über das Thema „Globaler Sachzwang Gewalt? Gegenwartsdiagnose und Friedensperspektiven“.

„Eine friedliche Konfliktlösung ist nur mit Kreativität möglich“, lautet das Credo des Begründers der modernen Friedens- und Konfliktforschung. „Es muss etwas völlig Neues sein, was die Konfliktparteien bisher noch nicht kennen.“

Notwendig sei zudem die Anhörung aller Beteiligten. Häufig würden bei Konflikten nur zwei Parteien angehört. Tatsächlich seien Konflikte aber immer komplizierter.

Am Beispiel des Nahost-Konflikts machte Galtung diese Herangehensweise deutlich. In Israel gebe es neben der Regierung auch ultra-orthodoxe Parteien und Gruppierungen. Und bei den Palästinensern gebe es neben der regierenden Fatah auch die Hamas.

Ihre Ausgrenzung aus Konfliktlösungen und sogar bereits aus vorbereitenden Gesprächen habe sich geradezu desaströs auf die Konflikt-Lage ausgewirkt. Galtung verglich die Entwicklung mit kommunizierenden Röhren, bei denen die Zuwendung zur einen Seite automatisch zur Aufwertung der Gegenpartei führt. Nur so hätten die Ultra-Konservativen in Israel und die Hamas in den Palästinenser-Gebieten die Wahlen gewinnen können.

Galtungs Lösungsvorschlag für den Nahost-Konflikt sieht die Gründung einer „Nahost-Union“ vor, der Israel und die Palästinensergebiete ebenso angehören wie die fünf umliegenden Staaten. Als Vorbild für diese Idee diente dem Friedensforscher die Europäische Union (EU).

Voll des Lobes über die EU als Lösungsinstrument europäischer Kriege erinnerte Galtung an die 1945 schier unglaubliche Vorstellung, dass Deutschland und sein „Erbfeind“ Frankreich friedlich und kooperativ miteinander leben könnten. Zu danken sei das vor allem dem französischen Außenminister Robert Schumann und Jean Monnet, die die Idee einer Europäischen Gemeinschaft (EG) den vernichtenden Vorstellungen des US-amerikanischen Politikers Morgenthau entgegengesetzt hatten.

Wenn er seine Idee einer „Nahost-Union“ in Israel oder Palästina vorstelle, dann bekomme er immer die Antwort, „die Zeit“ sei dafür „noch nicht reif“. Humorvoll fragte Galtung, wann denn diese Frau namens „die Zeit“ reif werde.

Ausgesprochen kenntnisreich, sehr eindringlich und mitunter recht witzig beantwortete Galtung die Fragen der anwesenden Journalisten. Ihre Zweifel an der Bereitschaft der Menschen zur friedlichen Koexistenz trotz jahrzehntelanger Gewalt teilte er aber nicht. Es bedürfe allein der stetigen Wiederholung von Vorschlägen, um diese schließlich auch zu verwirklichen.

Als Beispiel nannte er seine eigene Idee einer Europäischen Sicherheitskonferenz. Bereits 1967 hatte er diesen Vorschlag als Möglichkeit zur Lösung des damaligen „Kalten Kriegs“ vorgestellt. Bei einem Vortrag darüber habe ein 29-jähriger junger Mann in der hintersten Reihe des Raums gesessen.

Knapp 25 Jahre später habe ihn dieser Mann ins Außenministerium nach Prag eingeladen. Als tschechischer Außenminister hatte er Galtungs Vorschlag gemeinsam mit Michael Gorbatschow dem Westen unterbreitet und durchgesetzt. Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) firmiert heute als Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). In ihren Statuten finden sich Formulierungen aus Galtungs Vorschlag wieder.

Auch Galtungs Konzept nichtmilitärischer Verteidigungsstrategien benötigt Zeit bis zu seiner Verwirklichung. Schelmisch erklärte der Norweger, dass die Armee seines Herkunftslandes derzeit gemeinsam mit der deutschen Bundeswehr in Afghanistan kämpfe. Dadurch sei sein Land nun schutz- und wehrlos. Da habe man ihn gefragt, welche Möglichkeiten einer nichtmilitärischen Verteidigung er sehe.

Den Krieg in Afghanistan wie auch im Irak klassifizierte er als Paradebeispiele dafür, was eine Miliz gegen eine übermächtige Besatzungs-Armee ausrichten könne. Doch eine wirkliche Militärmacht seien die Vereinigten Staaten von Amerika schon längst nicht mehr.

Galtung prophezeite das Ende der US-amerikanischen Hegemonie für das Jahr 2020. „Das ist keine Glaskugel, sondern die Summe gesammelten Wissens“, erklärte der Norweger.
Nach dem Amtsantritt von George W. Bush habe er seine ursprüngliche Prognose um fünf Jahre verkürzt: „Bush wirkt als Beschleuniger“.

In Afghanistan und im Irak werde „gekämpft bis ans Ende der Welt, wenn sie können“, befürchtet der Friedensforscher. Die USA würden ihre Truppen aber Schritt für Schritt zurückziehen, prognostizierte er.

Ohnehin betrachtet Galtung diese Kriege als Aufmarsch zu einem Krieg zwischen den USA und China. In westlichen Medien werde wenig geschrieben über die Shanghai Cooperation Organization (SCO), die sechs verschiedene Staaten und drei weitere assoziierte Mitglieder umfasst. Dabei vertrete sie die Hälfte der Weltbevölkerung.

Russland liefere China Öl und Gas. Für die USA seien die Chinesen der gefährlichste Gegner, da die US-Regierung ein weltweites Machtmonopol anstrebt.

Längst ist Galtung zum Weltbürger geworden. Vier Wohnsitze in verschiedenen Ländern erlauben ihm die schnelle Reise überall hin.

Aus Galtungs 1959 gegründetem Friedensforschungs-Institut „Peace Research Institute Oslo“ (PRIO) ist inzwischen ein internationales Netzwerk mit 300 Assoziierten geworden. „40 Prozent davon sind Frauen“, betonte Galtung stolz.

Wert legt er darauf, dass er seine Arbeit ausschließlich über Honorare für Vorträge und Workshops sowie den Verkauf von Büchern finanziert. Noch nie habe er Mittel von Regierungen oder Stiftungen beantragt. Keinesfalls dürfe man als Konfliktmoderator Geld von Konfliktparteien annehmen.

Allmählich kann der Norweger wichtige Erfolge verbuchen: Seinen Begriff der „Strukturellen Gewalt“ habe inzwischen ein Harvard-Professor übernommen und in Afrika praktisch umgesetzt, berichtete Galtung. Der Harvard-Wissenschaftler eröffne den Menschen dort gleichberechtigten Zugang zu Wasser, zum Wissen über Heilpflanzen und zu allgemeiner Bildung. So entschärfe er dort Konflikte, die sich wegen der ungerechten Verteilung der Güter aufgetan hatten.

Er sei froh, dass er sich einer guten Gesundheit erfreue, sagte der 77-jährige: „Dadurch erhalte ich Rückmeldungen“.

Franz-Josef Hanke

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