Theater im Parlament und Gewalt im Theater – Eine erschütternde Auseinandersetzung mit der Brutalität von Menschen

13.10.2007 – FJH

Nur einen Tag nach der Entscheidung des Deutschen Bundestags über eine Verlängerung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan um ein weiteres Jahr hat sich das Hessische Landestheater des Themas „Krieg und Gewalt“ auf eindrucksvolle Weise angenommen: Mit „Schändung“ von Botho Strauß bewegte, irritierte und begeisterte Regisseur David Gerlach die Zuschauer im Erwin-Piscator-Haus (EPH) durch eine eindringliche Gewalt-Debatte auf der Theaterbühne.

Das Stück von Botho Strauß geht zurück auf „Titus Andronicus“ von William Shakespeare. Autor und Regisseur haben den Klassiker aber modernisiert und ihm damit eine dramatische Aktualität verpasst.

So steht am Anfang vor der eigentlichen Handlung ein Marktschreier auf der Bühne, der die Siedlung „Terra Secura“ vor den Toren Roms anpreist. Dort herrsche Sicherheit. Rund um die Uhr werde die Sidlung bestens bewacht.

Unschön geformte Menschen bekomme man dort nicht zu Gesicht. Dafür biete die Verwaltung den Bewohnern alle erdenklichen Dienstleistungen bis hin zu Liebesdiensten an.

Eine Mutter stellt ihren Sohn vor der Bühne ab. „Bleib nur ja hier“, ermahnt sie ihn. „Lass Dich nicht ansprechen und misch Dich nicht ein!“

Am Ende des Stücks ist klar, dass es in einer gewalttätigen Gesellschaft völlig unmöglich ist, sich nicht einzumischen. Denn Gewalt kann niemals eine Lösung von Problemen sein.

Ebenso deutlich arbeitet die Inszenierung heraus, dass Gewalt in allen Menschen und in jeder Gesellschaft steckt. Macht und vor allem ihr Missbrauch verstärken den Hang zur Gewalt noch zusätzlich.

Aktueller als die Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema könnte ein Theaterstück kaum sein. Doch provoziert und schockiert das Stück mehrfach auf brutale Weise.

Blut fließt. Abscheuliche Gewalt wird nicht ausgeklammert. In einigen Szenen blieb dem Premieren-Publikum buchstäblich der Atem im Halse stecken.

Vielleicht ist es ja nötig, die alltägliche Abstumpfung der Menschen gegenüber der Gewalt im Fernsehen, in den Nachrichten oder in Kriminalgeschichten durch derart schockierende Darstellungen von Gewalt aufzuknacken. Sicherlich ist die Inszenierung dadurch aber für feinfühligere Gemüter eher abstoßend.

Setzt man diese brutale „Unterhaltung“ indes in einen Kontrast zu der Entscheidung des Deutschen Bundestags vom Freitag (12. Oktober), so verblasst die Brutalität des Theaterstücks angesichts der geschäftigen Kälte im Parlament. Ohne Skrupel hat die Mehrheit dort für die Fortführung des mörderischen Krieges am Hindukusch gestimmt, obwohl eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung sich in mehreren Umfragen entschieden dagegen ausgesprochen hat.

„Demokratie in Deutschland ist Verrat am Wählerwillen“, titelte daraufhin politblog.net. Immerhin ist die Zustimmung im Bundestag mit rund 80 Prozent der Stimmen etwa genauso hoch ausgefallen wie die Ablehnung in der Bevölkerung.

Verbrämt wird der Militäreinsatz von seinen Befürwortern meist mit angeblich notwendiger „Aufbau-Hilfe“ für das vom Krieg gebeutelte Land. Verschwiegen wird dabei aber der kriminelle Einsatz Uran-gehärteter Munition durch die US-Truppen, die dramatische Zunahme des Drogenhandels seit dem Sturz des Taliban-Regimes und die ebenso besorgniserregende Zunahme der Gewalt in Afghanistan.

Angesichts all dieser Tatsachen könnte man schließlich zu der Einschätzung kommen, dass Gerlachs Inszenierung in der Marburger Stadthalle sogar noch nicht brutal genug gewesen sein könnte. Jedenfalls scheint nur eine solch brutale Darstellung die Menschen wirklich wachrütteln zu können.

Die Mehrheit der Politiker im Deutschen Bundestag mag der römische Kaiser Saturnin in diesem Drama dann auch treffend dargestellt haben: Arrogang, ignorant und skrupellos mordeten und meuchelten er und seine Herrschaftsclique Menschen und Ideale, bis am Ende dann letztlich doch die Menschlichkeit den unvermeidlichen Sieg davontrug. Da mag der Theaterbesucher nur hoffen, dass das Leben auch mit einem Happy End aufwarten wird.

Franz-Josef Hanke

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