Offen brutale oder subtil „kultivierte“ Gewalt? – Premiere von Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“

14.05.2007 – FJH

Offene und versteckte Gewalt thematisiert „Der Gott des Gemetzels“. Das Theaterstück von Yasmina Reza feierte am Sonntag (13. Mai) im Theater am Schwanhof (TaSch 1) Premiere. Intendant Ekkehard Dennewitz hatte das 2006 in Zürich uraufgeführte Stück für das Hessische Landestheater inszeniert.

Veronique und Alain Houillé suchen Annette und Michel Reille in ihrem Haus auf. Die beiden Ehepaare wollen eine Schlägerei besprechen, bei der der elfjährige Ferdinand Houillé seinem gleichaltrigen Schulkameraden Bruno Reille mit einer Stange zwei Zähne ausgeschlagen hat.

Höflich und kultiviert beraten die vier, was wohl pädagogisch zu unternehmen sei. Dabei legen beide Paare viel Wert auf ihr zivilisiertes Verhalten.

Annette Reille (Uta Eisold) will nur, dass die beiden Jungen miteinander reden und sich versöhnen. Eine Entschuldigung des „Täters“ bei ihrem Bruno wünscht sie sich natürlich auch. Ihr Ehemann Michel (Thomas Streibig) erklärt es den Gästen so: „Wir sind so naiv, an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben.“

Beide Paare sind tolerante und kunstbeflissene Menschen. Die Wohnung der Familie Reille ist voller Bilder. Auf dem Tisch liegen wertvolle Kunst-Kataloge.

Annette arbeitet als Schriftstellerin. Ihr neuestes Buch behandelt den Bürgerkrieg in der südsudanesischen Provinz Darfur.

Alain Houillé (Peter Meyer) ist Rechtsanwalt. Immer wieder klinkt er sich aus dem Gespräch über die beiden Jungs aus, um per Handy mit Managern einer Pharma-Firma zu telefonieren. Als deren Anwalt versucht er, schwere Nebenwirkungen eines Medikaments vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen: „Geben Sie nichts zu!“

Später ruft auch Michels Mutter an. Sie fragt ihren Sohn, ob sie eben dieses Medikament nehmen soll. Er verbietet es ihr vehement.

Michel greift Alain wegen seiner Vertuschungsversuche offen an. Veronique (Franziska Knetsch) wiederum kritisiert Michel, weil er den Hamster seiner neunjährigen Tochter auf der Straße ausgesetzt hat.

Allmählich kippt die zunächst freundliche Gesprächsatmosphäre um. Ferdinands Eltern eröffnen ihren Gastgeber nun, Bruno habe ihren Sohn als „Petze“ beschimpft und nicht bei seiner bande mitspielen lassen. Nicht Ferdinand sei also der Täter, sondern Bruno. Ihr Spross hingegen sei in Wahrheit das Opfer.

Mit witzigen Gags und unerwarteten Wendungen führt Yasmina Reza das Gespräch der beiden Ehepaare immer tiefer in Konflikte hinein. Mal streiten die beiden Paare gegeneinander, mal verbrüdern sich die Männer gegen die Frauen oder die Frauen gegen die Männer.

Veronique kotzt Annettes teuren Bildband voll. Danach greifen die Männer zu einer Flasche Rum.

Mit feinem Gespür deckt die Autorin die subtile Gewalt auf, die in den sogenannten „zivilisierten“ westlichen Gesellschaften herrscht. Dagegen setzt sie Kriege und rohe Brutalität in Afrika, über die sich die „zivilisierten“ Menschen voller Abscheu empören.

Alain amüsiert sich über Annettes gefühlsselige Parteinahme für die Menschen in Darfur. Brutal berichtet er von einer Reise in den Kongo. Er beschreibt, wie Kindersoldaten mit Macheten, Kalaschnikows und Raketenwerfern auf andere Menschen losgehen. Sein Fazit lautet: „Ich glaube an den Gott des Gemetzels.“

Die Gespräche im Hause Reille werden immer grotesker. Schließlich entpuppt sich das „kultivierte“ Verhalten der beiden Paare als subtile Gewalt.

Die Männer bewundern John Wayne und Ivanhoe, während sie Hausarbeit und Erziehung den Frauen überlassen. Am Ende werden die „kulturbeflissenen“ Kontrahenten sogar handgreiflich.

Dennewitz ist es mit seiner Inszenierung gelungen, Rezas feinsinnige Kulturkritik sichtbar zu machen, ohne dem Stück seinen Schwung und den Witz zu nehmen. Banales Alltagsgeschehen lässt die meistgespielte lebende Bühnenautorin der Welt allmählich in absurde Szenen und schließlich in offene Gewalt umkippen.

Alle vier Darsteller haben ihre Rollen sehr gut ausgefüllt. Etwas heraus stach Uta Eisold, während Peter Meyer am ehesten geringfügig hinter die anderen zurückfiel.

Den langanhaltenden rhythmischen Applaus des Premieren-Publikums hatten sich am Ende der 75-minütigen Aufführung aber alle Beteiligten redlich verdient. Ironisch verabschiedeten sich vor dem TaSch hinterher zwei Zuschauerinnen voneinander mit der Bemerkung, sie würden das Gesehene nun daheim noch einmal in ihrer Familie nachspielen.

Franz-Josef Hanke

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